Doofer Wahlkampf – oder doofe Medien?

20. August 2009

Der bisherige Bundestags-Wahlkampf ist nach dem Urteil vieler Kommentatoren lustlos, langweilig, inhaltsarm. Als Beweis dafür muss unter anderem herhalten, dass die Kunstfigur Horst Schlämmer die Gemüter mehr bewegt als inhaltliche Kontroversen zwischen den zur Wahl stehenden Parteien und Personen. Aber auch ganz ohne Horst: die kommentierende Kaste und die veröffentlichte Meinung befinden sich weitgehend im Konsens. Dieser besagt, dass ihnen die Politik bislang nicht die Art von Wahlkampf liefere, auf die die Öffentlichkeit dieses Landes einen Anspruch habe und der einen Beitrag zu einer informierten Wahlentscheidung der Bevölkerung beitragen könne. Und dass eben diese Bevölkerung sich nicht ausreichend interessiere. Kommentare dieser Stoßrichtung erscheinen in diesen Tagen dutzendweise, pars pro toto die Analyse von Georg Paul Hefty, F.A.Z.: „Dass aber ein Wahlkampf weder von den Parteien genutzt wird, um sich neu zu profilieren, noch von den Bürgern in Anspruch genommen wird, die bisher vereinten Regierungspartner getrennt zur Rede zu stellen, ist in der Geschichte der Bundesrepublik ziemlich neu.“ Alle sind schuld, außer den Medien.

Ich halte diese aktuelle Mainstream-Meinung nicht nur für falsch, ich halte sie sogar für eine ziemliche Frechheit der Medienmeute gegenüber ihren Kunden und den politischen Akteuren. Es wird kollektiv davon abgelenkt, dass die tatsächliche Inhaltsarmut des medial vermittelten Wahlkampfs vor allem eine Ursache hat: die durch die Medien autonom und frei getroffenen Entscheidungen, worüber berichtet wird und worüber nicht.

Ohne hier eine ermüdende und bereits ermüdete Debatte wieder aufnehmen zu wollen: ein gutes Beispiel sind die eher unernsten Plakate, die zwei Politikerinnen in meinem Wahlkreis (Kreuzberg/Friedrichshain/Prenzlauer Berg Ost) kleben ließen. Die öffentlich aushängenden Brüste von Vera Lengsfeld und der Hintern von Halina Wawzyniak sind, wenn man die Relevanz der Sache nüchtern einschätzt, ein mehr oder weniger lustiger, nicht übermäßig erwähnenswerter Versuch, in einem für sie aussichtslosen Kampf um das zu vergebende Direktmandat wenigstens durch Originalität einen Publikumserfolg und eine Steigerung der Bekanntheit zu erzielen. Das war’s denn aber auch. Dass bundesweit Medien aller Art dieser Nebensache so viel Platz und Sendezeit widmeten, als ginge es um eine politische Kernfrage, war allein die Entscheidung von Redakteuren. Der tapfer mit vergleichsweise komplexen, jedenfalls ernst gemeinten inhaltlichen Botschaften auf seinen Plakaten antretende Kandidat Björn Böhning kann mit entsprechendem Echo nicht rechnen. Selbst Platzhirsch Ströbele mit seinen Comic-Plakaten geht ziemlich unter. Dabei sind diese beiden die interessanteren und aussichtsreicheren Kandidaten – und man könnte viel Platz oder Sendezeit darauf verwenden, wie der Alt-Alternative und der Jung-Kreative um das komplexe und widersprüchliche Szenemilieu dieses Kiezes werben. Ich gebe zu, manche Medien versuchen es immerhin.

Weitere Beispiele für inhaltsbefreite „Wahlkampfberichterstattung“ sind der Dienstwagenhickhack (gegen rot) und das Anwälte-arbeiten-für-Ministerien-Bashing (gegen schwarz). Angezettelt zugegebenermaßen von Zuträgern aus der Politik – aber auch hier gilt: den Hype produzieren allein die Medien, in dem sie die entsprechenden Themen hochfahren, atemlose Kommentar-Häppchen von jedermann dazu einholen, ‚Weiterdrehs‘ ersinnen und die Sache so lang und breit treten wie es irgend gelingt. Als Leser, Zuschauer, Surfer wünsche ich mich sehnlichst Redakteurinnen und Redakteure, die die Kompetenz und den Mut haben zu sagen: Ich finde das nicht wichtig, das fahren wir mal als kleine Meldung am Rande. Stattdessen analysieren wir heute, wie sich die Konzepte der Parteien für die Energieversorgung der Zukunft unterscheiden. Ja, warum denn eigentlich nicht?

Stoff für lesenswerte Wahlkampfberichterstattung gibt es ohne Ende. SPD-Deutschlandplan, CDU-Regierungsprogramm, FDP-Deutschlandprogramm, das grüne Wahlprogramm, das Bundestagswahlprogramm der Linkspartei – liegt alles auf dem Tisch. Auch wenn es stimmt, das z.B. die Union allzu klare Festlegungen eher vermeidet und auch in den anderen Programmen Vieles wolkig daherkommt – es ist schon eine Menge Material mit einer Menge Inhalt. Man muss sich als Politikjournalist die Mühe machen, es zu studieren, zu analysieren, Fragen dazu zu formulieren. Wo es Widersprüche oder Leerstellen gibt, beginnt erst die eigentliche Recherche: Den Zuständigen auf die Pelle rücken, ihnen klare Positionierungen abringen. Und wenn das nicht gelingt, dies offenlegen – und andere Quellen erschließen, um die wahren Pläne für die Zeit nach der Wahl zu offenbaren. Das alles ist doch einfach nur elementares journalistisches Handwerk?

Die beiden Standardrechtfertigungen der Redakteure, die auch jene wackeren Journalistinnen und Journalisten täglich zu hören bekommen, die um Raum für substantielle Politik- und Wahlkampfberichterstattung in ihren Medien kämpfen: 1. Cosi fan tutte, wir müssen mitmachen. Spätestens wenn z.B. der Dienstwagen-Hype so groß ist, dass über einen möglichen Rücktritt einer Ministerin spekuliert wird, kann/darf kein Medium die Sache ignorieren, sie hat dann eine Bedeutung erlangt, die eine Berichterstattung unausweichlich macht. 2. Das Publikum versteht, verträgt oder will es einfach nicht, wenn wir zu viel über politische Inhalte schreiben oder senden. An beidem ist was dran. Das Publikum für dumm zu erklären ist allerdings self-fulfilling prophecy: wenn man es lange genug von inhaltlicher Politikberichterstattung entwöhnt, wird es tatsächlich dafür immer weniger aufnahmefähig. Und was den Gruppendruck, die Konkurrenz, den Herdentrieb angeht: Wie für Menschen, so gilt auch für Institutionen und somit auch für Medien, dass sich die Welt in Mitläufer und autonom agierende Subjekte teilt. Über Politik berichtende Medien können nur dann Bedeutung für sich beanspruchen und auf Dauer erfolgreich Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn sie in der Berichterstattung über einen eigenen inneren Kompass verfügen, wenn sie auf der Basis von Sachkunde und Erfahrung ihrer Mitarbeiter ihren Lesern/Zuschauern profunde Analysen und relevante Denkanstöße bieten. Und das gilt auf jedem Niveau der Komplexität, also auch für Boulevardzeitungen, Regionalblätter, private Fernsehsender und natürlich jede Form der Publizistik im Netz. Sprich: Gute Medien widersetzen sich dem Herdentrieb zumindest ab und zu.

Gottlob gibt es inzwischen den einen oder anderen selbstkritischen Anklang in der Wahlkampfkommentierung, so etwa jüngst Katharina Schuler bei  ZEIT Online. Zwar singt sie ebenfalls das einschlägige Klagelied, räumt aber immerhin eine Mitschuld der eigenen Zunft ein: „Auch die Medien tragen mit ihrer Aufmerksamkeitsökonomie dazu bei, dass der Ton oft unsachlich und die Streitpunkte nebensächlich sind.“ Ein Gedanke, der mehr Beachtung verdient, wenn es um die Analyse der Wahlkampfmisere und möglicher Gegenstrategien geht.

P.S.: Wenn Scharen von Journalisten zu blöd oder zu denkfaul sind, den Unterschied zwischen „18 % der Befragten beantworten die Frage mit ja, ob sie sich vorstellen könnten, Horst Schlämmer zu wählen“ und „18% der Deutschen würden Horst Schlämmer wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre“ zu erkennen, so macht dies wenig Hoffnung.

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