Dumpfes in der ‚Süddeutschen‘

16. September 2009

Heute ist mir bei der Lektüre meiner Lieblingszeitung fast die Teetasse aus der Hand gefallen. Nein, nicht, weil ich mich über einen Kommentar von Heribert Prantl geärgert hätte – das kommt vor und gehört dazu. Sondern weil mir auf Seite Drei unten ein Text ins Auge sprang, wie er dort bei einer Qualitätszeitung schlicht nicht hätte erscheinen dürfen: Eine Restaurantkritik, die in ein ebenso dumpfes wie xenophobes Klagelied über den vermeintlichen Verfall der Spitzengastronomie mündet. Anlass zu dieser merkwürdigen Betrachtung gab offenbar die persönliche Erfahrung des Autors, der eines Abends in einem chinesischen Londoner Sternerestaurant keine britischen Gäste antraf, dafür aber Somalier, Araber und Kaukasier. Solche Gäste bringen nach Ansicht des SZ-Feuilletonchefs und langjährigen USA-Korrespondenten Andrian Kreye „die Hochkultur der Sterneküche in Gefahr“, aus zwei Gründen: Sie verstehen nichts von gutem Essen und sie trinken keinen Wein, was die Kalkulation zunichte macht. Da die Online-Ausgabe diesen Text dezent verschweigt, sei hier etwas ausführlicher zitiert. Ausgangspunkt der Betrachtung ist die Feststellung, dass das Essen enttäuscht – was nach der These des Autors nicht am Koch, sondern am Publikum liegt:

„Nimmt man nun an diesem Abend im Hakkasan [das besprochene Restaurant, MK] mal das Schlimmste an: Die Herren am Tisch links finanzieren somalische Piraten, die jungen Araber verpulvern die Petrodollars ihrer Väter, und die Kaukasier mit den in die Jeans gestopften Seidenpullis verschachern gerade die Ressourcen ihres Heimatlandes auf dem Schwarzmarkt. In allen drei Fällen ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Gäste über kulinarische Vergleichswerte verfügen, ähnlich gering wie bei den Vegas-Touristen aus dem amerikanischen und europäischen Hinterland. Schwerer wiegen an diesem Abend im Hakkasan jedoch die Getränkebestellungen. Die Somalier trinken Tee, die Araber Limonade, die Herren aus dem Kaukasus bestellen Fusel. So rechnet sich das nicht.“ Zusammengefasst zeigt der Abend beim Chinesen, „warum die Umverteilung des weltweiten Wohlstandes die Kultur der Haute Cuisine gefährdet“. Daher: „Kein Wunder, dass die meisten Sternelokale inzwischen in der Provinz zu finden sind. Da verirrt sich das Geldproletariat der Gegenwart nicht hin.“

Hierzu einige Fragen an die Süddeutsche und den Autor:

  1. Taugt eine Restaurantkritik für die berühmte Seite Drei, nur weil man sie mit einer ad hoc erfundenen Stammtisch-Theorie über einen Verfall der kulinarischen Sitten aufbläst? Oder weil sie aus der Feder des Feuilletonchefs stammt?
  2. Ist es eine mit der Ausrichtung der Süddeutschen Zeitung vereinbare Haltung, auf das Ende der Alleinherrrschaft des europäischen Wirtschafts-, Sozial- und Kulturmodells mit derartig dumpfen Reflexen zu reagieren?
  3. Gab es weltweit  jemals mehr Spitzenrestaurants – in den Städten, in der Provinz, in London, Dubai, Peking, Tiflis, Buenos Aires, Kapstadt oder sonstwo – als heute? Wurde jemals mehr guter Wein angebaut – und getrunken?
  4. Sind Abstinenzler Banausen? Gibt es also keine Gourmets, die keinen Alkohol trinken? Alle in dieser Hinsicht strikten Muslime verstehen nichts von gutem Essen? Lassen sich Restaurantkarten unter Anwendung betriebswirtschaftlicher Methoden womöglich auch für ein weniger Wein trinkendes Publikum profitabel kalkulieren?
  5. Hätten die Garnelen in Lilienzwiebelsauce dem Autor vielleicht besser gemundet, wenn er nicht schlecht gelaunt und von misanthropischen Gedanken beseelt allein an seinem Tisch gesessen und am 120-Pfund-Rotwein gemümmelt hätte – sondern stattdessen an der Bar mit den Kaukasiern einen Wodka gekippt?
  6. Könnte es sein, dass die „stoischen Somalier“ seriöse und gebildete Rechtsanwälte waren, die „jungen Araber und ihre Gespielinnen (sic!)“ der Managementnachwuchs eines Weltkonzerns, und die „drei Herren aus dem Kaukasischen“ Austauschprofessoren am King’s College? Und wenn nicht, woher weiß Herr Kreye das?
  7. Könnte die Süddeutsche es nachvollziehen, wenn sich eine nicht unerhebliche Zahl ihrer Leser davon beleidigt fühlt, wenn sie auf Seite Drei solche herabwürdigenden Qualifizierungen lesen muss, die ausschließlich an der nationalen Herkunft von Menschen festgemacht werden?
  8. Oder finden Sie das womöglich lustig?

Qualitätszeitung: Der Ort, wo NICHT alles gedruckt wird, was einem in Bier- oder Weinlaune an Schenkelklopfern so einfallen mag.

Nachtrag: Der Artikel ist inzwischen auch online gefunden. Wer sich also mitärgern möchte, der lese hier.

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