Thilo S., Lettre International und die Zuwanderung

2. Oktober 2009

Man sollte über seine früheren Chefs ebenso wenig öffentlich sprechen wie über seine ehemaligen Freundinnen. Und deswegen werde ich hier nicht meine durchaus gemischten Gefühle bei der Lektüre seines ausführlichen (und lesenswerten) Interviews in der aktuellen Ausgabe von Lettre International und bei der Rezeption der sich anschließenden Empörungswelle und des Beifalls von falscher Seite ausbreiten.

Aber: Ich kann jedem Berlin-Interessierten nur empfehlen, sich dieses Heft zu kaufen. Es ist eine wahre Wundertüte der intellektuellen, literarischen und künstlerischen Auseinandersetzung mit der Hauptstadt und ihrer Lage. Ein Holzmedium vom feinsten, wie man es in dieser Tiefe und Breite in der Online-Welt nicht finden wird, und wie man es nur an langen Abenden auf dem Sofa angemessen rezipieren kann. Unter anderem finden sich darin die Ansichten einiger bunt ausgewählter Berliner Kreativer – bei einer davon drängt es mich, sie in diesem Zusammenhang zu zitieren. Sie stammt von Markus Müller, einem profilierten PR-Mann, der auf Kunst und Architektur spezialisiert ist. Er analysiert zunächst ganz ähnlich wie wenige Seiten später Thilo Sarrazin die Deindustrialisierung Berlins und kommt dann auf die Rolle der Zuwanderung zu sprechen:

„Heute läßt sich bereits ein unglaublicher Zustrom von Leuten beobachten, die meinen, sie stammten aus aller Welt – dabei kommen die meisten von ihnen aus Dänemark. Berlin muß verstehen, daß diese Gesellschaft auf starke Einwanderungsströme angewiesen ist. Wir brauchen eine extrem positive Haltung Fremden gegenüber, zumal das Bild des Anderen als Feind uns seit September 2001 den Krieg auch noch in das allerlangweiligste Wohnzimmer im Sauerland gebracht hat. Der einzige Punkt, in dem Berlin im Vergleich zu Paris oder Amsterdam bislang noch nicht mithalten kann, ist die Tatsache, daß Berlin immer noch viel zu homogen ist. Einfach gesagt: In Berlin gibt es zu wenige Einwohner nichteuropäischer Herkunft. Wir haben nicht die gleiche koloniale Vergangenheit als Kolonialmacht wie andere Länder, so daß es bei uns weniger Menschen aus anderen Weltregionen gibt. Berlin ist die einzige europäische Hauptstadt, in der die tödliche europäische und deutsche Grenzpolitik in den Straßen spürbar und sichtbar ist. Berlin offen und lebendig zu gestalten ist eine der größten Herausforderungen.“

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn Berlin auf qualifizierte Zuwanderer angewiesen ist, folgt daraus logisch, dass es sich Intoleranz und an Ethnien festgemachte Vorurteile nicht leisten kann. Nicht einmal den Eindruck davon. Ein rational handelndes Einwanderungsland bewertet – jenseits des humanitären Bereichs der begrenzten Zuwanderung von Flüchtlingen –  Einwanderungswillige durchaus nach eigennützigen Kriterien wie ihrem Können, ihrem Wissen, ihrem Potential, ihrer Fähigkeit, den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Aber nicht nach ihrer Herkunft und nicht nach ihrer Religion. Wer in diesem Grundsatz keine moralische oder juristische Selbstverständlichkeit sieht, der sollte ihn zumindest utilitaristisch nachvollziehen können: Wir müssen für Investoren aus arabischen Ländern oder Spitzenjuristen aus der Türkei oder Filmemacher vom Balkan ebenso attraktiv sein wie für indische Ingenieure oder koreanische Chemiker – ganz zu schweigen von der Armada von Altenpflegern und Krankenschwestern aus aller Herren Länder, die wir noch brauchen werden. Ob mit oder ohne Kopftuch, das ist piepe.


Spitzel und Piraten – oder: Investigativer Journalismus in Not

23. September 2009

Ein Grund, sich den kommenden Montag herbeizuwünschen, ja zu -sehnen, ist schlichtweg: Dann ist es vorbei. Es besteht die Chance, dass die Überspanntheiten der öffentlichen Diskussion on- und offline wieder etwas zurückgehen, dass wir Mediennutzer insbesondere davon verschont bleiben, uns jeden Tag über drei bis fünf Pseudo-Skandale erregen zu sollen, die unter den Gesichtspunkten der jeweils gefühlten potentiellen Nützlichkeit für das eigene Wahlergebnis von Spin-Doktoren lanciert und von recherchefaulen Journalisten dankbar aufgenommen und in die Welt gepustet werden. Ich möchte den Mangel an journalistischer Beurteilungskompetenz, über den ich mich im Moment wirklich täglich ärgere, an einem – zufälligen – Beispiel vom heutigen Tage diskutieren. Es ist Zufall, dass dabei Focus Online kritisiert und die CDU Nordrhein-Westfalens (der ich NICHT nahestehe) in gewisser Weise in Schutz genommen wird. Es ließen sich in diesen Tagen nahezu unbegrenzt Beispiele in anderer Konstellation finden.

Mein Beispiel ist die sogenannte Bespitzelungsaffäre in Nordrhein-Westfalen, die seit einigen Tagen einige Gemüter bewegt und aktuell im Aufmacher bei Focus Online thematisiert wird. Bespitzelt haben soll in dieser Angelegenheit die CDU die Spitzenkandidatin der SPD, Hannelore Kraft. Uiuiui, denkt sich der Leser der Überschrift, was läuft denn da? Wanzen im Auto versteckt? Privatdetektiv observiert das Wochenendhaus? Telefon angezapft? So Watergate-, oder zumindest Waterkantgate-mäßig? Das Weiterlesen enttäuscht dann kräftig: Die „Bespitzelung“ liegt darin, dass die CDU Kameraleute zu SPD-Wahlkampfauftritten geschickt hat, die die Reden von Frau Kraft gefilmt haben. In der Hoffnung, ähnlich skandalisierbare Patzer aufs Band zu bekommen, wie sie Herr Rüttgers der SPD mit seiner Verunglimpfung rumänischer Arbeiter geliefert hatte.

Was soll das Filmen einer öffentlich gehaltenen Rede bei einer öffentlichen Wahlkampfveranstaltung mit „Bespitzelung“ zu tun haben? Die Verwunderung beginnt, in Ärger umzuschlagen. Also weiterlesen. Eigentlicher Aufhänger des aktuellen Artikels ist die Enthüllung, dass ein enger Mitarbeiter Rüttgers‘ über dieses Gefilme per E-Mail mit Mitarbeitern der CDU-Parteizentrale kommuniziert hat – aus entsprechenden E-Mails wird ausführlich zitiert. Der vermeintliche Skandal daran: Mißbrauch der amtlichen Stellung bzw. Ressourcen zu Wahlkampfzwecken. Gespannt wartet der Leser jetzt auf die Enthüllung, dass Rüttgers und seine finsteren Kumpane Verwaltungsmitarbeiter zum Filmen geschickt haben, oder die Videoteams aus einer schwarzen Kasse der Staatskanzlei bezahlt, oder sonst irgendetwas zumindest ansatzweise Fischiges verbrochen. Aber: Nichts. Der Skandal soll darin bestehen, dass ein Referent einige auf den Wahlkampf bezogene Mails von seiner dienstlichen E-Mail-Adresse aus geschrieben und auf dieser empfangen haben soll. Wer jemals den Leitungsbereich eines Ministeriums oder einer Staatskanzlei von innen erlebt hat, weiß, wie lächerlich weltfremd eine so überspannte Interpretation des Prinzips der – natürlich gebotenen – Trennung zwischen den Sphären der Parteipolitik und der Administration ist. Würde man sie im Ernst anwenden, dann dürften auch Merkels und Steinmeiers Büroleiter sich nicht mehr an der Koordination der Wahlkampftermine ihrer Chefs beteiligen – macht nichts, denn sie dürften ja ohnehin keine Wahlkampftermine wahrnehmen, schließlich sind sie ja Bundeskanzlerin und Außenminister und werden von unseren Steuergeldern bezahlt… Das gilt natürlich auch für Rüttgers und für Gabriel und für Seehofer und all die anderen, wahlkämpfen dürfen also nur der Westerwelle, Künast/Trittin, Gysi/Lafontaine und die Piraten. Prima.

Während man so seinen Gedanken über die Beurteilungskompetenz eines FOCUS-Landeskorrespondenten nachhängt, fragt eine Stimme im Hinterkopf: „Wo kommt eigentlich das Material her?“ Noch mal nachgeschaut: Es werden mehrere E-Mails im Wortlaut zitiert, und es wird auf die Sekunde genau angegeben, wer welche dieser Mails wann an wen geschrieben und weitergeleitet hat. Woher weiß das der FOCUS? Persönliche E-Mails unterliegen in diesem Land doch dem Datenschutz? Es fehlt, sicher nicht zufällig, jeder Hinweis auf die Quelle.

Da wir davon ausgehen dürfen, dass keiner der Teilnehmer an dieser E-Mail-Kommunikation ein Interesse an ihrer Offenlegung haben konnte, liegt hier allem Anschein nach tatsächlich ein Fall von Bespitzelung vor. Und jeder Journalist, der sowas auf den Tisch bekommt, kann das erkennen – und sich fragen, was er damit macht oder nicht macht. Wie er es einordnet, wenn ihm so etwas wenige Tage vor entscheidenden Wahlen zugespielt wird und von wem. Und ob es wirklich investigativer Journalismus ist, über die Angelegenheit dann unkritisch genau jene Berichterstattung abzuliefern, die der unbekannte Spitzel mit seinem Tun intendiert hat.

Wie gesagt: Leider ist die Kombination aus Recherchefaulheit, fehlender Quellenkritik und Mangel an Einordnungskompetenz oder -wille alles andere als ein Einzelfall. Dies gilt in den sogenannten Qualitätsmedien ebenso wie auf dem Boulevard, offline ebenso wie im Netz. Was mittlerweile so alles als „investigativer Journalismus“ gelabelt wird, spottet leider allzu oft jeder Beschreibung.

Für heute den Vogel abgeschossen hat der Blogger Twitgeridoo: Er lamentiert seitenlang darüber, dass über seine Piratenpartei in einem Fernsehbeitrag etwas Kritisches gesagt wurde, vom Parteienforscher Peter Lösche: „Die Piraten sind eine Ein-Punkt-Partei.“ Er tut dies in Form eines „offenen Briefs“ an Lösche, in dem er öffentlich bekannte Tatsachen wie dessen SPD-Mitgliedschaft oder die Titel seiner letzten Veröffentlichungen „enthüllt“. Und feiert sich dafür: „Das ist investigativer Journalismus im Web 2.0.“ Tolle Wurst. Falls irgendjemand mit dem Gedanken spielt, die Piraten zu wählen: Bitte dieses Traktat in ganzer Länge lesen und sich ein eigenes Urteil bilden über Geisteshaltung und Demokratieverständnis dahinter. Über Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik schweigen wir gnädig.

P.S.: Ich höre bereits den Einwand, Twitgeridoos Blog sei keine offizielle Äußerung der Piratenpartei. Stimmt, das wäre ja noch schöner. Aber auch die ist sich nicht zu blöd, auf die kritische Äußerung von Herrn Lösche mit einer „Gegendarstellung“ zu reagieren… souveräne Partizipation an freier, öffentlicher Diskussion sieht anders aus. Für die Piraten scheint zu gelten: Wer kräftig austeilt, muss noch lange nicht einstecken können.

Noch mal kurz Grundkurs Äußerungsrecht: Eine Gegendarstellung richtet sich gegen objektiv falsche Tatsachenbehauptungen. Meinungen sind nicht gegendarstellungsfähig. Gegen die Äußerung: „Die FDP ist eine Ein-Punkt-Partei und fordert immer nur Steuersenkungen“ würde Guido W. niemals eine Gegendarstellung erwirken können, weil das eine von der Meinungsfreiheit gedeckte, wertende Aussage ist. Und solche wertenden Aussagen darf in diesem Land jeder treffen, der das möchte, auch ein Parteienforscher. Und es darf jeder Sender senden, wenn er es relevant findet. Weil dies ein freies Land ist. Und wer für die Meinungsfreiheit ist, maßregelt Kritiker nicht mit Gegendarstellungen. Verstanden, Piraten?

Nachtrag: Süddeutsche, ZEIT, Tagesspiegel, WELT springen auf den FOCUS-Zug, schreiben von „Videoüberwachung“, „Observation“ oder „Beschattung“. Haaallllooo? Geht’s noch? Herr Niggemeier, tun Sie was!


Dumpfes in der ‚Süddeutschen‘

16. September 2009

Heute ist mir bei der Lektüre meiner Lieblingszeitung fast die Teetasse aus der Hand gefallen. Nein, nicht, weil ich mich über einen Kommentar von Heribert Prantl geärgert hätte – das kommt vor und gehört dazu. Sondern weil mir auf Seite Drei unten ein Text ins Auge sprang, wie er dort bei einer Qualitätszeitung schlicht nicht hätte erscheinen dürfen: Eine Restaurantkritik, die in ein ebenso dumpfes wie xenophobes Klagelied über den vermeintlichen Verfall der Spitzengastronomie mündet. Anlass zu dieser merkwürdigen Betrachtung gab offenbar die persönliche Erfahrung des Autors, der eines Abends in einem chinesischen Londoner Sternerestaurant keine britischen Gäste antraf, dafür aber Somalier, Araber und Kaukasier. Solche Gäste bringen nach Ansicht des SZ-Feuilletonchefs und langjährigen USA-Korrespondenten Andrian Kreye „die Hochkultur der Sterneküche in Gefahr“, aus zwei Gründen: Sie verstehen nichts von gutem Essen und sie trinken keinen Wein, was die Kalkulation zunichte macht. Da die Online-Ausgabe diesen Text dezent verschweigt, sei hier etwas ausführlicher zitiert. Ausgangspunkt der Betrachtung ist die Feststellung, dass das Essen enttäuscht – was nach der These des Autors nicht am Koch, sondern am Publikum liegt:

„Nimmt man nun an diesem Abend im Hakkasan [das besprochene Restaurant, MK] mal das Schlimmste an: Die Herren am Tisch links finanzieren somalische Piraten, die jungen Araber verpulvern die Petrodollars ihrer Väter, und die Kaukasier mit den in die Jeans gestopften Seidenpullis verschachern gerade die Ressourcen ihres Heimatlandes auf dem Schwarzmarkt. In allen drei Fällen ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Gäste über kulinarische Vergleichswerte verfügen, ähnlich gering wie bei den Vegas-Touristen aus dem amerikanischen und europäischen Hinterland. Schwerer wiegen an diesem Abend im Hakkasan jedoch die Getränkebestellungen. Die Somalier trinken Tee, die Araber Limonade, die Herren aus dem Kaukasus bestellen Fusel. So rechnet sich das nicht.“ Zusammengefasst zeigt der Abend beim Chinesen, „warum die Umverteilung des weltweiten Wohlstandes die Kultur der Haute Cuisine gefährdet“. Daher: „Kein Wunder, dass die meisten Sternelokale inzwischen in der Provinz zu finden sind. Da verirrt sich das Geldproletariat der Gegenwart nicht hin.“

Hierzu einige Fragen an die Süddeutsche und den Autor:

  1. Taugt eine Restaurantkritik für die berühmte Seite Drei, nur weil man sie mit einer ad hoc erfundenen Stammtisch-Theorie über einen Verfall der kulinarischen Sitten aufbläst? Oder weil sie aus der Feder des Feuilletonchefs stammt?
  2. Ist es eine mit der Ausrichtung der Süddeutschen Zeitung vereinbare Haltung, auf das Ende der Alleinherrrschaft des europäischen Wirtschafts-, Sozial- und Kulturmodells mit derartig dumpfen Reflexen zu reagieren?
  3. Gab es weltweit  jemals mehr Spitzenrestaurants – in den Städten, in der Provinz, in London, Dubai, Peking, Tiflis, Buenos Aires, Kapstadt oder sonstwo – als heute? Wurde jemals mehr guter Wein angebaut – und getrunken?
  4. Sind Abstinenzler Banausen? Gibt es also keine Gourmets, die keinen Alkohol trinken? Alle in dieser Hinsicht strikten Muslime verstehen nichts von gutem Essen? Lassen sich Restaurantkarten unter Anwendung betriebswirtschaftlicher Methoden womöglich auch für ein weniger Wein trinkendes Publikum profitabel kalkulieren?
  5. Hätten die Garnelen in Lilienzwiebelsauce dem Autor vielleicht besser gemundet, wenn er nicht schlecht gelaunt und von misanthropischen Gedanken beseelt allein an seinem Tisch gesessen und am 120-Pfund-Rotwein gemümmelt hätte – sondern stattdessen an der Bar mit den Kaukasiern einen Wodka gekippt?
  6. Könnte es sein, dass die „stoischen Somalier“ seriöse und gebildete Rechtsanwälte waren, die „jungen Araber und ihre Gespielinnen (sic!)“ der Managementnachwuchs eines Weltkonzerns, und die „drei Herren aus dem Kaukasischen“ Austauschprofessoren am King’s College? Und wenn nicht, woher weiß Herr Kreye das?
  7. Könnte die Süddeutsche es nachvollziehen, wenn sich eine nicht unerhebliche Zahl ihrer Leser davon beleidigt fühlt, wenn sie auf Seite Drei solche herabwürdigenden Qualifizierungen lesen muss, die ausschließlich an der nationalen Herkunft von Menschen festgemacht werden?
  8. Oder finden Sie das womöglich lustig?

Qualitätszeitung: Der Ort, wo NICHT alles gedruckt wird, was einem in Bier- oder Weinlaune an Schenkelklopfern so einfallen mag.

Nachtrag: Der Artikel ist inzwischen auch online gefunden. Wer sich also mitärgern möchte, der lese hier.


Doofer Wahlkampf – oder doofe Medien?

20. August 2009

Der bisherige Bundestags-Wahlkampf ist nach dem Urteil vieler Kommentatoren lustlos, langweilig, inhaltsarm. Als Beweis dafür muss unter anderem herhalten, dass die Kunstfigur Horst Schlämmer die Gemüter mehr bewegt als inhaltliche Kontroversen zwischen den zur Wahl stehenden Parteien und Personen. Aber auch ganz ohne Horst: die kommentierende Kaste und die veröffentlichte Meinung befinden sich weitgehend im Konsens. Dieser besagt, dass ihnen die Politik bislang nicht die Art von Wahlkampf liefere, auf die die Öffentlichkeit dieses Landes einen Anspruch habe und der einen Beitrag zu einer informierten Wahlentscheidung der Bevölkerung beitragen könne. Und dass eben diese Bevölkerung sich nicht ausreichend interessiere. Kommentare dieser Stoßrichtung erscheinen in diesen Tagen dutzendweise, pars pro toto die Analyse von Georg Paul Hefty, F.A.Z.: „Dass aber ein Wahlkampf weder von den Parteien genutzt wird, um sich neu zu profilieren, noch von den Bürgern in Anspruch genommen wird, die bisher vereinten Regierungspartner getrennt zur Rede zu stellen, ist in der Geschichte der Bundesrepublik ziemlich neu.“ Alle sind schuld, außer den Medien.

Ich halte diese aktuelle Mainstream-Meinung nicht nur für falsch, ich halte sie sogar für eine ziemliche Frechheit der Medienmeute gegenüber ihren Kunden und den politischen Akteuren. Es wird kollektiv davon abgelenkt, dass die tatsächliche Inhaltsarmut des medial vermittelten Wahlkampfs vor allem eine Ursache hat: die durch die Medien autonom und frei getroffenen Entscheidungen, worüber berichtet wird und worüber nicht.

Ohne hier eine ermüdende und bereits ermüdete Debatte wieder aufnehmen zu wollen: ein gutes Beispiel sind die eher unernsten Plakate, die zwei Politikerinnen in meinem Wahlkreis (Kreuzberg/Friedrichshain/Prenzlauer Berg Ost) kleben ließen. Die öffentlich aushängenden Brüste von Vera Lengsfeld und der Hintern von Halina Wawzyniak sind, wenn man die Relevanz der Sache nüchtern einschätzt, ein mehr oder weniger lustiger, nicht übermäßig erwähnenswerter Versuch, in einem für sie aussichtslosen Kampf um das zu vergebende Direktmandat wenigstens durch Originalität einen Publikumserfolg und eine Steigerung der Bekanntheit zu erzielen. Das war’s denn aber auch. Dass bundesweit Medien aller Art dieser Nebensache so viel Platz und Sendezeit widmeten, als ginge es um eine politische Kernfrage, war allein die Entscheidung von Redakteuren. Der tapfer mit vergleichsweise komplexen, jedenfalls ernst gemeinten inhaltlichen Botschaften auf seinen Plakaten antretende Kandidat Björn Böhning kann mit entsprechendem Echo nicht rechnen. Selbst Platzhirsch Ströbele mit seinen Comic-Plakaten geht ziemlich unter. Dabei sind diese beiden die interessanteren und aussichtsreicheren Kandidaten – und man könnte viel Platz oder Sendezeit darauf verwenden, wie der Alt-Alternative und der Jung-Kreative um das komplexe und widersprüchliche Szenemilieu dieses Kiezes werben. Ich gebe zu, manche Medien versuchen es immerhin.

Weitere Beispiele für inhaltsbefreite „Wahlkampfberichterstattung“ sind der Dienstwagenhickhack (gegen rot) und das Anwälte-arbeiten-für-Ministerien-Bashing (gegen schwarz). Angezettelt zugegebenermaßen von Zuträgern aus der Politik – aber auch hier gilt: den Hype produzieren allein die Medien, in dem sie die entsprechenden Themen hochfahren, atemlose Kommentar-Häppchen von jedermann dazu einholen, ‚Weiterdrehs‘ ersinnen und die Sache so lang und breit treten wie es irgend gelingt. Als Leser, Zuschauer, Surfer wünsche ich mich sehnlichst Redakteurinnen und Redakteure, die die Kompetenz und den Mut haben zu sagen: Ich finde das nicht wichtig, das fahren wir mal als kleine Meldung am Rande. Stattdessen analysieren wir heute, wie sich die Konzepte der Parteien für die Energieversorgung der Zukunft unterscheiden. Ja, warum denn eigentlich nicht?

Stoff für lesenswerte Wahlkampfberichterstattung gibt es ohne Ende. SPD-Deutschlandplan, CDU-Regierungsprogramm, FDP-Deutschlandprogramm, das grüne Wahlprogramm, das Bundestagswahlprogramm der Linkspartei – liegt alles auf dem Tisch. Auch wenn es stimmt, das z.B. die Union allzu klare Festlegungen eher vermeidet und auch in den anderen Programmen Vieles wolkig daherkommt – es ist schon eine Menge Material mit einer Menge Inhalt. Man muss sich als Politikjournalist die Mühe machen, es zu studieren, zu analysieren, Fragen dazu zu formulieren. Wo es Widersprüche oder Leerstellen gibt, beginnt erst die eigentliche Recherche: Den Zuständigen auf die Pelle rücken, ihnen klare Positionierungen abringen. Und wenn das nicht gelingt, dies offenlegen – und andere Quellen erschließen, um die wahren Pläne für die Zeit nach der Wahl zu offenbaren. Das alles ist doch einfach nur elementares journalistisches Handwerk?

Die beiden Standardrechtfertigungen der Redakteure, die auch jene wackeren Journalistinnen und Journalisten täglich zu hören bekommen, die um Raum für substantielle Politik- und Wahlkampfberichterstattung in ihren Medien kämpfen: 1. Cosi fan tutte, wir müssen mitmachen. Spätestens wenn z.B. der Dienstwagen-Hype so groß ist, dass über einen möglichen Rücktritt einer Ministerin spekuliert wird, kann/darf kein Medium die Sache ignorieren, sie hat dann eine Bedeutung erlangt, die eine Berichterstattung unausweichlich macht. 2. Das Publikum versteht, verträgt oder will es einfach nicht, wenn wir zu viel über politische Inhalte schreiben oder senden. An beidem ist was dran. Das Publikum für dumm zu erklären ist allerdings self-fulfilling prophecy: wenn man es lange genug von inhaltlicher Politikberichterstattung entwöhnt, wird es tatsächlich dafür immer weniger aufnahmefähig. Und was den Gruppendruck, die Konkurrenz, den Herdentrieb angeht: Wie für Menschen, so gilt auch für Institutionen und somit auch für Medien, dass sich die Welt in Mitläufer und autonom agierende Subjekte teilt. Über Politik berichtende Medien können nur dann Bedeutung für sich beanspruchen und auf Dauer erfolgreich Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn sie in der Berichterstattung über einen eigenen inneren Kompass verfügen, wenn sie auf der Basis von Sachkunde und Erfahrung ihrer Mitarbeiter ihren Lesern/Zuschauern profunde Analysen und relevante Denkanstöße bieten. Und das gilt auf jedem Niveau der Komplexität, also auch für Boulevardzeitungen, Regionalblätter, private Fernsehsender und natürlich jede Form der Publizistik im Netz. Sprich: Gute Medien widersetzen sich dem Herdentrieb zumindest ab und zu.

Gottlob gibt es inzwischen den einen oder anderen selbstkritischen Anklang in der Wahlkampfkommentierung, so etwa jüngst Katharina Schuler bei  ZEIT Online. Zwar singt sie ebenfalls das einschlägige Klagelied, räumt aber immerhin eine Mitschuld der eigenen Zunft ein: „Auch die Medien tragen mit ihrer Aufmerksamkeitsökonomie dazu bei, dass der Ton oft unsachlich und die Streitpunkte nebensächlich sind.“ Ein Gedanke, der mehr Beachtung verdient, wenn es um die Analyse der Wahlkampfmisere und möglicher Gegenstrategien geht.

P.S.: Wenn Scharen von Journalisten zu blöd oder zu denkfaul sind, den Unterschied zwischen „18 % der Befragten beantworten die Frage mit ja, ob sie sich vorstellen könnten, Horst Schlämmer zu wählen“ und „18% der Deutschen würden Horst Schlämmer wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre“ zu erkennen, so macht dies wenig Hoffnung.