Thilo S., Lettre International und die Zuwanderung

Man sollte über seine früheren Chefs ebenso wenig öffentlich sprechen wie über seine ehemaligen Freundinnen. Und deswegen werde ich hier nicht meine durchaus gemischten Gefühle bei der Lektüre seines ausführlichen (und lesenswerten) Interviews in der aktuellen Ausgabe von Lettre International und bei der Rezeption der sich anschließenden Empörungswelle und des Beifalls von falscher Seite ausbreiten.

Aber: Ich kann jedem Berlin-Interessierten nur empfehlen, sich dieses Heft zu kaufen. Es ist eine wahre Wundertüte der intellektuellen, literarischen und künstlerischen Auseinandersetzung mit der Hauptstadt und ihrer Lage. Ein Holzmedium vom feinsten, wie man es in dieser Tiefe und Breite in der Online-Welt nicht finden wird, und wie man es nur an langen Abenden auf dem Sofa angemessen rezipieren kann. Unter anderem finden sich darin die Ansichten einiger bunt ausgewählter Berliner Kreativer – bei einer davon drängt es mich, sie in diesem Zusammenhang zu zitieren. Sie stammt von Markus Müller, einem profilierten PR-Mann, der auf Kunst und Architektur spezialisiert ist. Er analysiert zunächst ganz ähnlich wie wenige Seiten später Thilo Sarrazin die Deindustrialisierung Berlins und kommt dann auf die Rolle der Zuwanderung zu sprechen:

„Heute läßt sich bereits ein unglaublicher Zustrom von Leuten beobachten, die meinen, sie stammten aus aller Welt – dabei kommen die meisten von ihnen aus Dänemark. Berlin muß verstehen, daß diese Gesellschaft auf starke Einwanderungsströme angewiesen ist. Wir brauchen eine extrem positive Haltung Fremden gegenüber, zumal das Bild des Anderen als Feind uns seit September 2001 den Krieg auch noch in das allerlangweiligste Wohnzimmer im Sauerland gebracht hat. Der einzige Punkt, in dem Berlin im Vergleich zu Paris oder Amsterdam bislang noch nicht mithalten kann, ist die Tatsache, daß Berlin immer noch viel zu homogen ist. Einfach gesagt: In Berlin gibt es zu wenige Einwohner nichteuropäischer Herkunft. Wir haben nicht die gleiche koloniale Vergangenheit als Kolonialmacht wie andere Länder, so daß es bei uns weniger Menschen aus anderen Weltregionen gibt. Berlin ist die einzige europäische Hauptstadt, in der die tödliche europäische und deutsche Grenzpolitik in den Straßen spürbar und sichtbar ist. Berlin offen und lebendig zu gestalten ist eine der größten Herausforderungen.“

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn Berlin auf qualifizierte Zuwanderer angewiesen ist, folgt daraus logisch, dass es sich Intoleranz und an Ethnien festgemachte Vorurteile nicht leisten kann. Nicht einmal den Eindruck davon. Ein rational handelndes Einwanderungsland bewertet – jenseits des humanitären Bereichs der begrenzten Zuwanderung von Flüchtlingen –  Einwanderungswillige durchaus nach eigennützigen Kriterien wie ihrem Können, ihrem Wissen, ihrem Potential, ihrer Fähigkeit, den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Aber nicht nach ihrer Herkunft und nicht nach ihrer Religion. Wer in diesem Grundsatz keine moralische oder juristische Selbstverständlichkeit sieht, der sollte ihn zumindest utilitaristisch nachvollziehen können: Wir müssen für Investoren aus arabischen Ländern oder Spitzenjuristen aus der Türkei oder Filmemacher vom Balkan ebenso attraktiv sein wie für indische Ingenieure oder koreanische Chemiker – ganz zu schweigen von der Armada von Altenpflegern und Krankenschwestern aus aller Herren Länder, die wir noch brauchen werden. Ob mit oder ohne Kopftuch, das ist piepe.

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